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Auf dem Land

Drama von Martin Crimp im Rowohlt Verlag - deutsch von Frank Heibert

Es geht um Richard (Christoph Linder), einen Arzt, der mit seiner Frau (Yvonne Werner-Mees) frisch aufs Land gezogen ist, der Kinder wegen, denkt sie. Doch eines Abends taucht er mit einer bewußtlosen jungen Frau in den Armen auf. Nach und nach stellt sich heraus, dass der Umzug aufs Land nur ein Ausweichmanöver war, mit dem sich nun alle drei in eine gefährliche Position gebracht haben.
Crimps Spielvorlage ist eine Nocturne über Lebensängste und Besessenheit, Selbstbetrug und Verrat.

Es spielen: Christoph Linder, Yvonne Werner-Mees, Laetitia Mazzotti

Inszenierung: Laetitia Mazzotti
Raum, Ton, Licht: Frank Olle

 

gefördert durch:

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Presse:

 

HAZ, 8. November 2011

Zwischen zwei Frauen

Theater sýstema zeigt AUF DEM LAND

Ein Kuss kann Beziehungen stiften und festigen – oder auch gänzlich bedeutungslos sein. Regisseurin Laetitia Mazzotti spielt in ihrer Inszenierung von Martin Crimps Stück „Auf dem Land“ verschiedene Formen von Lippenbekenntnissen durch. Landarzt Richard (Christoph Linder) hat plötzlich ungeahnte Hemmungen, seine Ehefrau Corinne (Yvonne Werner-Mees) zu küssen. Ganz offensichtlich hat das mit der jungen Frau (Regisseuerin Laetitia Mazzotti) zu tun, die er von der Straße aufgelesen und mit nach Hause gebracht hat.

In 70 Minuten entspinnt sich eine Dreiecksgeschichte, bei der sich allerdings immer nur zwei Figuren gleichzeitig gegenüberstehen. Das gescheiterte Ehepaar wirkt dabei genauso glaubhaft wie der Hennenkampf der beiden Frauen. (…)

Das Publikum in der Kunsthalle FAUST bedachte die Premiere von „Auf dem Land“ mit langanhaltendem Applaus.

Von Sören Hendrik Maak

 

Hauskritik Stadtkind, August 2012

AUF DEM LAND

Mit seiner Wiederaufnahme des Stückes von Martin Crimp gelingt dem theater sýstema ein überraschend realistisches Stück jenseits abstrakten Tanztheaters.

Bitte mehr davon!

Es könnte alles so schön sein: Richard (Christoph Linder), seines Zeichens Arzt und liebender Familienvater, ist mit seiner Frau Corinne (Yvonne Werner-Mees) aufs Land gezogen. Angeblich der Kinder zuliebe. Das denkt sie jedenfalls. In der Vorzeigefamilie liebt man sich und man neckt sich. Kleine Keifereien werden meist durch Frotzeleien ausgeglichen. Außerdem scheint ein Baby unterwegs zu sein. Eines Abends taucht jedoch der Göttergatte mit einer bewusstlosen, jüngeren Frau (Laetitia Mazzotti) in den Armen auf. Ein Notfall, als Arzt keine Seltenheit, hat er sie doch bewusstlos am Feldrand gefunden. Und eigentlich auch nicht weiter tragisch, doch die Eifersucht der Ehefrau reift recht bald zu ausgewachsenem Misstrauen. Sie löchert Richard mit Fragen und beginnt ihm nachzuschnüffeln. Hat er etwa doch ein dunkles Geheimnis zu verbergen?

Von seiner klaren Linie weicht der Plot keinen Moment lang ab, abstrakte Ausflüge unterbleiben. Und der Eisfabrik gelingt damit ein echter Coup noch vor der Sommerpause: Die Spielvorlage des Dramatikers Martin Crimp inszeniert Laetitia Mazzotti (die persönlich den Part der ominösen jungen Frau übernimmt) in Kooperation mit Commedia Futura herrlich linear und nachvollziehbar – eine Wohltat, wenn auch das Stück es in sich hat!

Nach und nach kommen immer pikantere Details ans Licht. In der Handtasche der jungen Frau findet Corinne ein Besteck mit Spritzen und ahnt Schlimmes: Richard führt ein Doppelleben, vor dem er einst aus der Stadt geflohen ist. Schlimm genug, dass der Arzt drogenabhängig sein soll, doch das ist noch lange nicht alles: Denn Rebecca, die bewusstlose Frau, ist nicht einfach nur ein „leichtes“ Mädchen, das nichtsahnend zu ihm in den Wagen gestiegen ist. Als Richard zur Arbeit gerufen wird und zu seiner offensichtlichen Erleichterung seiner Gattin Corinne ausweichen kann, nimmt die Story eine erneute Wendung. Plötzlich steht Rebecca vor Corinne. Während sich die Gattin zunächst für eine mögliche Vergewaltigung ihres Mannes entschuldigt, stellt die widerspenstige Rebecca die Situation schnell klar: Sie ist Richards jahrelange Geliebte und der Umzug aufs Land nur ein Ausweichmanöver gewesen, der für alle Beteiligten letztlich zur Tortur wird. Harter Tobak für die Theatergäste: Es geht um Lebensentwürfe, Ängste, Besessenheit, Selbstbetrug, Verrat – die negative Liste der Emotionen findet kaum ein Ende. Das Stück ist aber so gut inszeniert, dass es dem Zuschauer erlaubt, ein distanzierter, wenn auch betretener Beobachter zu bleiben – bei vielleicht etwas zu vielen Dialogwiederholungen. Ein goldener Schuss beendet das Dreiecksdilemma zwischen den Protagonisten. Während Rebecca stirbt, bleibt Corinne nur die Flucht mit den Kindern. Was aus Richard wird, bleibt offen...

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